Kiefern in einem Felstal
Li T'ang (ca. 1070- nach 1150), Sung-Dynastie (960-1279) Hängerolle, Tusche und Farben auf Seide, 188,7 x 139,8 cm
Li T'ang (ca. 1049- nach 1130, nach anderer Anschauung ca. 1070- nach 1150) stammte aus San-ch'eng in Ho-yang und trug den Großjährigkeitsnamen Hsi Ku. Er diente unter Kaiser Hui-tsung der Nördlichen Sung-Dynastie (regierte 1101-1125) in der Hanlin-Malakademie. Nach dem Fall der Nördlichen Sung-Dynastie 1126 floh er zwischen 1127 und 1130 nach Hangchow im Süden, wo die Regierung die Südliche Sung-Dynastie (1127-1279) errichtet hatte. Unter Kaiser Kao-tsung wurde dort zwischen 1131 und 1162 die Malakademie wieder eingerichtet und Li T’ang trat ihr auch wieder bei. Er erhielt den Titel eines “Ehrenmannes von vollkommener Loyalität”, wurde in die höchste Position, die eines “Vortragenden Künstler” (tai-chao), erhoben und erhielt das prestigereiche “Goldene Band” verliehen.
Li T'ang hat sein Werk auf der schmalen Bergspitze links neben den Hauptgipfel signiert. Die Signatur lautet: "Gemalt von Li T'ang aus Ho-yang im Frühjahr des Jahres ‘chia-ch'en’ (1124) der Regierungsperiode Hsüan-ho der Großen Sung-Dynastie." Trotz seines damals schon hohen Alters stellte Li T'ang die Berge und Felsen sehr wuchtig und strotzend von männlicher Kraft dar. Der Hauptgipfel ist zentral angeordnet. Rechts und links von ihm befinden sich unterschiedlich hohe Berggipfel, die bis in die Wolken reichen. Die Berghänge und Klippen scheinen die Spuren von Axtschlägen zu tragen: Sie sind mit einer typischen Strichart gemalt, die “mit der Axt gehauener Texturstrich” (fu-p’i-tsun) genannt wird. Dieser Felsenberg wirkt ganz besonders hart. Auf halber Höhe des Berges sind einige weiße Wolken zu sehen, die sich langsam zu bewegen scheinen. Sie schaffen einerseits eine Trennung zwischen dem Vorder- und dem Hintergrund, andererseits lockern sie das Bild etwas auf, so dass der ganzen Atmosphäre ein wenig von ihrer Strenge genommen wird. Dadurch wird vermieden, dass das Bild zu kompakt wirkt und dem Betrachter ein zu starkes Gefühl der Beklemmung vermittelt. Das Gebüsch auf dem Berggipfel, der Kiefernwald im Vordergrund und der mal sichtbare, mal unsichtbare Steinweg verstärken die ruhige Atmosphäre des Bildes. An der linken Seite und etwas in der Mitte stürzt jeweils ein dünner Wasserfall herab. Nach einigen Windungen entsteht der Bach im Vordergrund, dessen Wasser über die Steine hüpft und spritzt, so dass man meint, sein Gurgeln vernehmen zu können. Für dieses Werk gilt: “Wenn man ein Bild hören kann, ist es wie ein Gedicht.” (Wang Yao-t’ing)